Arztpraxis auf See

Quelle: sanitaetsdienst-bundeswehr.de

„Ein Verletzter in Abteilung sieben“ tönt es aus den Lautsprechern der Fregatte „LÜBECK“. Der Schiffsarzt, Oberstabsarzt Jörg S., eilt mit dem Sanitätsmeister zur Unfallstelle. Sie untersuchen den jungen Soldaten, der einen Niedergang, wie die Treppen an Bord eines Schiffes genannt werden, heruntergefallen ist. Bei dem Sturz hat er sich das linke Bein verletzt. Zügig wird der Soldat mit einer Krankentrage in das Schiffslazarett gebracht und medizinisch versorgt. „Zum Glück ist es diesmal nur eine Übung gewesen. Aber das gute Zusammenspiel des gesamten Teams hat gezeigt, dass wir auch im Ernstfall eine schnelle Notfallversorgung gewährleisten können“ erklärt der Schiffsarzt.


Obermaat T. bei der täglichen Kontrolle der Notfallgeräte, hier der Notfallrucksack (Quelle: Bundeswehr)

Die Fregatte „LÜBECK“ beteiligt sich derzeit an der EU-geführten Mission „Atalanta“ am Horn von Afrika. Für die Teilnahme an der Mission wurde das Sanitäts-Team an Bord durch vier Soldaten mit medizinischer Expertise verstärkt. „Unser Team besteht in diesen fünf Monaten aus einem Schiffsarzt, einem Chirurgen, einem Anästhesisten, einem Anästhesiepfleger sowie einer Zahnärztin, einem Sanitätsmeister, einem Unteroffizier und einem Mannschaftssoldaten“, erklärt Obermaat Benjamin T., während er den Arbeitsbereich für die tägliche Sprechstunde vorbereitet.
Zweimal am Tag können sich die Soldaten im Schiffslazarett zur Krankensprechstunde melden. „In den meisten Fällen handelt es sich um kleinere Verletzungen, wie Schnittverletzungen oder Quetschungen. Da wir uns jedoch gerade im Einsatz befinden, kann es unter Umständen auch zu deutlich schlimmeren Verletzungen kommen. Daher haben wir auch Anästhesisten, den Chirurgen und eine Zahnärztin an Bord“, erläutert Obermaat T., der den Ärzten als Sanitätsunteroffizier zur Seite steht.

Karius und Baktus haben keine Chance

Die Zahnärztin, Stabsarzt Christiane B., bietet auch eine tägliche Sprechstunde für die Besatzung an. „Ich habe hier die Möglichkeit, die Soldaten schnell und zeitnah zu behandeln. So können wir Zahnschmerzen sofort beheben und der Soldat behält seine Einsatzfähigkeit“, berichtet die junge Ärztin, für die es der erste Einsatz als Zahnärztin an Bord ist. „Für mich ist es eine ganz neue Erfahrung. Durch Lehrgänge wusste ich zwar, was auf mich zukommt. Aber es ist dann schon etwas anderes, Behandlungen auf einer OP-Liege anstatt auf einem Zahnarztstuhl durchzuführen“, erklärt sie.


Zahnärztin Stabsarzt Christine B. (l.) bei der Behandlung eines Patienten auf der OP-Liege (Quelle: Bundeswehr)

Medizinische Versorgung mit Hindernissen

Das Schiff bietet auch verbündeten Nationen seine Unterstützung an. „Im Ernstfall können wir hier eine notfallchirurgische Erstbehandlung machen. Patienten, die etwa eine Schusswunde oder eine Amputationsverletzung haben, können so weit stabilisiert werden, dass sie transportfähig sind“, berichtet der Chirurg, Oberfeldarzt Stefan M., der sich bereits das siebte Mal an einem Marineeinsatz beteiligt. Besonders das beengte Umfeld an Bord eines Kriegsschiffs, die Lautstärke und der Seegang seien an Bord während der Behandlungen eine besondere Herausforderung, erklärt er.


Der Chirurg, Oberfeldarzt Stefan M. untersucht einen Patienten mit dem Ultraschallgerät (Quelle: Bundeswehr)

Der Ausstattungsumfang des Schiffslazarettes gleicht dem einer allgemeinmedizinischen Praxis in Deutschland. Der notfallmedizinischen Versorgung wird besondere Bedeutung beigemessen. Ein Narkose- sowie ein Durchleuchtungsgerät ergänzen die Ausrüstung, die sowohl einen Defibrillator als auch kleine Labordiagnostik beinhaltet. So kann auch auf See eine adäquate Patientenversorgung und Befunderhebung stattfinden.

Immer wieder üben, üben, üben

Neben der medizinischen Versorgung und Begutachtung ist das Sanitätspersonal auch für die Ausbildung der Soldaten zuständig. „In einer Gefechtssituation ist es wichtig, dass jeder Soldat die Grundfertigkeiten eines Ersthelfers beherrscht“, erklärt der Schiffsarzt. Alle Soldaten der Bundeswehr machen einmal im Jahr eine Ausbildung in der erweiterten Ersten Hilfe. Sie umfasst beispielsweise auch die Behandlung von Brandwunden oder das Abbinden von Gliedmaßen. „Dadurch ist jeder Soldat in der Lage, im Ernstfall erste Hilfe zu leisten. Es kann durchaus vorkommen, dass diese Erstmaßnahmen Leben retten, bevor der Patient professionelle Hilfe durch einen Arzt erhält“, erklärt Oberstabsarzt Jörg S. die Bedeutung dieser Ausbildung.


Chef im Team: der Schiffsarzt Oberstabsarzt Jörg S (Quelle: Bundeswehr)

An Bord trainiere er seine Soldaten zusätzlich in dem möglichst schonenden Transport von Verletzten. „Die engen Verhältnisse an Bord machen es uns nicht leicht. Außerdem achte ich darauf, dass meine Soldaten auch improvisieren können. Zum Beispiel kann ein Feuerlöschschlauch zur Bergeschlaufe umfunktioniert werden, mit der man einen Verletzten transportieren kann.“
Die Besatzung muss mit den Ärzten und Sanitätern ein eingespieltes Team bilden. „Deshalb müssen wir solche Szenarien völlig unerwartet proben und die Besatzung ausbilden“, erklärt der Schiffsarzt, nachdem das Bein des vermeintlich gestürzten Soldaten versorgt wurde.

 

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